Wien 1968: Der Aufbruch einer rebellischen Stimme in grauen Straßen
Wien, ein Ort, der oft in der Stille der Geschichte schlummert, hat in den späten 1960ern und 1970ern eine ganz eigene, rebellische Stimme gefunden. Ein Jahr, das in die Geschichtsbücher eingehen sollte, war 1968. In diesem Jahr der Studentenrevolten und kulturellen Umbrüche war Wien jedoch zunächst wie eingefroren. Die ÖVP-Alleinregierung hatte das Land fest im Griff und Veränderungen schienen in weiter Ferne. Doch der Drang nach Freiheit, nach Veränderung, war unüberhörbar. Im Mai 1968 wurden Uni-Hörsäle besetzt – ein deutliches Zeichen, dass die Jugend nicht länger bereit war, sich mit dem Status quo abzufinden. Künstler wie Brus, Weibel, Mühl und Wiener traten mit ihren provokanten „Uni-Ferkeleien“ auf und sorgten für Aufsehen. Mit radikalen Performances brachen sie Tabus, und die grauen Straßen Wiens, die an motorisierten Individualverkehr gewöhnt waren, begannen zu vibrieren.
Die Stadt, die zu dieser Zeit kaum Lebensfreude ausstrahlte, erlebte 1976 eine Zäsur. Ein alter Schlachthof in St. Marx, der drohte, zum Ort für eine Textilfabrik zu werden, wurde von Hippies, Künstlern und jungen Menschen besetzt. Diese Besetzung war mehr als nur ein Protest; sie war der Anfang einer kulturellen Revolution. Die Konzerte der Band „Misthaufen“ zogen Scharen von Menschen an, die nicht nur zum Feiern kamen, sondern bleiben wollten, um eine neue Art von Gemeinschaft zu schaffen. Die „Schmetterlinge“, eine Protestsong-Gruppe um Willi Resetarits und Beatrix Neundlinger, fanden nicht nur Gehör, sondern auch Unterstützung aus der Bevölkerung. Die Luft war erfüllt von Hoffnung und dem Wunsch nach Veränderung.
Ein kultureller Aufbruch
Die Besetzung des Auslandsschlachthofes wurde schnell zum Symbol des Wandels. Proteste verhinderten den Abriss, und die Stadt wurde auf die Missstände aufmerksam gemacht. Mediales Interesse wuchs, als eine Zeitzeugin den Einsturz der Reichsbrücke als Metapher für den gesellschaftlichen Wandel beschrieb. Verhandlungen über ein alternatives Kulturzentrum scheiterten – die Stadt bot den Inlands-Schlachthof als Ersatz an, was von den Aktivisten jedoch entschieden abgelehnt wurde. In einer Zeit, als Wien von Beton und Jugend-Arbeitslosigkeit geprägt war, war der Schlachthof ein Ort des Aufbruchs, der die Entstehung alternativer Kultur- und Jugendzentren in ganz Österreich nach sich zog.
Die 1970er Jahre waren eine Zeit der Kontraste. Auf der einen Seite wurde Hochkultur gefördert, während alternative Stimmen oft ignoriert wurden. Der Schlachthof und die Arena, die sich aus dieser Bewegung entwickelt hat, wurden zu Plattformen für kulturelle und soziale Aktivitäten. Die Arena hat sich mittlerweile über 30 Jahre als ein Ort etabliert, an dem Kreativität und Gemeinschaft aufeinandertreffen – ein Erbe, das aus der Wut und dem Widerstand jener Tage gewachsen ist.
Ein Rückblick auf 1968
Doch um die Wurzeln dieser Bewegung zu verstehen, muss man auch einen Blick auf die Ereignisse von 1968 werfen. An der Universität Wien gab es ein Happening mit dem provokanten Titel „Kunst und Revolution“. Künstler brachen mit Konventionen, forderten die Gesellschaft heraus und sorgten für einen Sturm der Entrüstung. Die Tabubrüche, die selbst Nacktheit und Selbstverstümmelung einschlossen, stießen auf gemischte Reaktionen. VALIE EXPORTs „Tapp- und Tastkino“ – eine feministische Aktion, bei der Passanten ihre nackten Brüste berühren durften – war nur eine von vielen Aktionen, die für Aufsehen sorgten. Diese kreativen Provokationen waren der Katalysator für eine Generation, die sich nicht länger mit der alten Ordnung zufriedengeben wollte.
Inmitten dieser turbulenten Zeiten brach der „Fall Borodajkewycz“ an der Universität Wien wie ein Donnerschlag über die Stadt. Der Professor, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied, wurde zum Symbol für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Demonstrationen gingen durch die Straßen, und der Schweigemarsch für Ernst Kirchweger, einen ehemaligen Widerstandskämpfer, der von einem rechtsextremen Studenten ermordet wurde, vereinte 25.000 Menschen in einem eindringlichen Zeichen gegen den Faschismus. Diese Ereignisse, kombiniert mit der kulturellen Rebellion, schufen den Nährboden für die Veränderungen, die Wien in den folgenden Jahren durchleben sollte.
So wurde aus einem grauen Wien ein Ort der Kreativität, ein Raum für Stimmen, die vorher oft nicht gehört wurden. Die Arena und die Besetzung des Auslandsschlachthofes sind nicht nur Geschichten von Protest und Widerstand, sondern auch von Hoffnung und einer unerschütterlichen Gemeinschaft, die sich gegen den Strom der Zeit stellte.
