Es ist ein ganz normaler Tag in Rothneusiedl, und doch schwebt eine gewisse Anspannung in der Luft. Die Haltestelle Indigoweg, am Stadtrand gelegen, bietet ländliche Ruhe, die für viele Wienern ein kleiner Rückzugsort ist. Doch dieser idyllische Ort könnte bald vom Stadtentwicklungsprojekt Rothneusiedl betroffen sein, das die Pläne für 9.000 neue Wohnungen für 21.000 Menschen umfasst. Das klingt auf den ersten Blick nach einer Lösung für den Wohnraummangel in Wien, doch die Bürgerinitiative „Stopp Megacity Rothneusiedl“ hat bereits vor 20 Jahren begonnen, gegen die Bebauung zu mobilisieren. Erich Guzmits, der Sprecher dieser Initiative, hat Bedenken geäußert – und das nicht ohne Grund.

Die geplanten Wohnungen sollen zu zwei Dritteln geförderter Wohnraum sein, was durchaus positiv klingt. Aber Guzmits sieht die Notwendigkeit neuer Wohnungen kritisch. Mit dem moderaten Bevölkerungswachstum in Wien stellt sich die Frage: Brauchen wir wirklich so viele neue Wohnungen? Stattdessen schlägt er vor, erst einmal die freien Flächen innerhalb der Stadt zu nutzen – ein Beispiel wäre der Nordwestbahnhof. Die Befürchtungen über Hitzeinseln und den Verlust von Frischluftschneisen sind ebenfalls nicht von der Hand zu weisen.

Grünflächen im Fokus

Das Projekt sieht immerhin vor, 40 Hektar als Grünraum zu gestalten, was ein Drittel der gesamten Fläche ausmacht. Ein neuer Park, der Grüne Ring, mit einem Umfang von 3 km soll entstehen. Das klingt nach einer tollen Idee, denn gerade in städtischen Gebieten sind solche Erholungsräume wichtig. Doch Guzmits macht darauf aufmerksam, dass diese Ackerflächen auch Lebensraum für Feldhamster, Rehe und Hasen sind – also nicht nur für Menschen von Bedeutung. Außerdem wird ein Verkehrskollaps befürchtet. Die U-Bahn-Verlängerung nach Rothneusiedl ist erst für 2040 geplant, und ein Shuttleservice scheint für viele nicht ausreichend zu sein.

Die Stadt hat indes auch Pläne, die integrierte Entwicklung des neuen Stadtteils voranzutreiben. Der ländliche Charakter soll in das urbane Umfeld eingebaut werden, was einen spannenden Ansatz darstellt. Am 12. Oktober 2021 wurde das Strukturkonzept der Stadtentwicklungskommission vorgestellt, und man hat sich auf 9 Kernthemen geeinigt. Ein städtebauliches Leitbild soll bis 2025 in einem partizipativen Prozess entstehen. Das Siegerprojekt „Der Grüne Ring“ von O&O Baukunst und capattistaubach urbane Landschaften ist dabei ein Leuchtturm.

Der Weg nach vorn

Der zentrale Stadtplatz entlang der neuen U-Bahn-Trasse soll als Treffpunkt für Märkte und Veranstaltungen dienen. Diese Idee könnte Leben und Gemeinschaft in den neuen Stadtteil bringen. Mit einem Grünkorridor von etwa 100 Metern Breite soll zudem für Luftdurchzug gesorgt werden. Das Regenwasser-Management ist ein weiteres wichtiges Thema, das zur Kühlung des Stadtteils und zur Speicherung im Boden beitragen soll. Der Fokus auf klimafreundliche Mobilität mit begrünten Wegen für Fußgänger und Radfahrer klingt ebenfalls vielversprechend.

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Die Frage bleibt, wie die Bürgerinitiative und die Stadt sich auf einen Nenner einigen können. Guzmits glaubt an den Widerstand gegen das Projekt und sieht in der Sicherung unverbrauchter Flächen für die Ernährung der Stadt eine wichtige Aufgabe. Ein Termin mit Bezirksvorsteher Marcus Franz (SPÖ) ist für Juli geplant. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Lage entwickeln wird. Die nächsten Schritte beinhalten die Ausarbeitung des städtebaulichen Leitbilds und den Beginn der Flächenwidmungs- und Bebauungsplanung.

Inmitten all dieser Entwicklungen bleibt die Frage, was aus Rothneusiedl wird. Ein Ort, der gleichzeitig ländlich und urban sein könnte, könnte bald zu einem neuen Wohnraum für viele werden – oder einfach nur ein weiteres Stück versiegeltes Land in der Wiener Landschaft. Man darf gespannt sein, wie sich die Situation weiterentwickeln wird.