Wien, die Stadt der Geschichte und der Erinnerungen, hat immer wieder beeindruckende Einblicke in ihre Vergangenheit geboten. Besonders faszinierend sind die ersten Straßenfotografien, die um 1900 entstanden. Diese Aufnahmen zeigen nicht nur prominente Persönlichkeiten, sondern auch den Alltag der Wiener Bevölkerung. Viele der abgebildeten Orte ähneln noch heute dem modernen Wien, während sich die Menschen in Mode, Berufswelt und Wertevorstellungen deutlich von uns unterscheiden.
Die Produktion von „Erbe Österreich“ präsentiert in einer fesselnden Dokumentation historische Aufnahmen, die einen stadtgeschichtlichen Bogen spannen – von der Zeit vor der Ringstraße bis zur letzten Blüte der k. u. k. Monarchie. Dabei werden große Umbrüche im Stadtverkehr und der Wandel der Mode thematisiert. Der Fokus liegt auf ausgestorbenen Berufen und dem Alltag der Wienerinnen und Wiener um 1900, der stark vom Klassenbewusstsein geprägt war. Die Dokumentation besucht bekannte Schauplätze im historischen Zentrum und in den Außenbezirken, während Experten das außergewöhnliche Bildmaterial einordnen.
Die Rolle von Marianne Strobl
Ein weiterer Lichtblick in der Wiener Fotografiegeschichte ist die talentierte Marianne Strobl, deren Arbeiten lange Zeit wenig bekannt waren. Geboren als Maria Nentwich im Jahr 1865 in Würbenthal, hegte sie schon früh eine Leidenschaft für die Fotografie, die sie mit ihrem Ehemann Josef Strobl teilte. Ab 1894 arbeitete sie gewerblich und baute sich ein Atelier in der Müllnergasse 33 auf, später in der Halmgasse 3/Valeriestraße 22. Ihre Aufnahmen wurden nicht nur zur Pressefotografie genutzt, sondern auch in Mappen verkauft, um karitative Projekte zu unterstützen.
Strobls Aufnahmen aus dem Kriegsspital in Wiener Neustadt zwischen 1915 und 1916 sind besonders hervorzuheben; sie wurden in großem Format von einem Verlag vertrieben, der sich karitativen Zielen widmete. Kleinere Formate standen auch Patienten zur Verfügung, um Nachrichten an ihre Angehörigen zu senden. Ihre charakteristische Signatur „M. Strobl“ in roter Schrift verlieh ihren Arbeiten einen besonderen Wiedererkennungswert.
Wiener Fotografie im Wandel der Zeit
Die Entwicklung der Fotografie in Wien um 1900 war geprägt von einer Vielzahl von talentierten Fotografen, die das Stadtbild und das Leben der Menschen dokumentierten. Unter ihnen ist Leo A. Lensing, der den Amateurfotografen Theodor Beer als Landschaftsfotograf und kontroversen Porträtisten beschreibt. Auch Martin Imboden, bekannt für seine Aufnahmen von Ausdruckstänzerinnen im „Roten Wien“, und Robert Haas, dessen Wiener Jahre als Fotograf von großer Bedeutung waren, zählen zu den bekannten Namen dieser Epoche.
Die Fotografie hat nicht nur das Bild der Stadt geprägt, sondern auch das Verständnis der Menschen füreinander erweitert. Die zahlreichen Ausstellungen und Publikationen über die Entwicklung der Fotografie in Wien, wie die kürzlich erschienene Rezension über Frauen, Design und Gesellschaft im Wien der Zwischenkriegszeit, zeugen von der anhaltenden Relevanz dieses Themas. In der heutigen Zeit, in der Bilder omnipräsent sind, bleibt das Erbe dieser Pioniere lebendig und inspiriert weiterhin Künstler und Fotografen.