Inmitten der bunten Straßen von Ottakring, wo das Leben pulsiert und die Geschichten der Vergangenheit durch die Luft wehen, steht ein Jubiläum ins Haus: Der slowenische Autor Ivan Cankar, geboren 1876 in der Nähe von Ljubljana, wäre dieses Jahr 150 Jahre alt geworden. Erwin Köstler, der in Ottakring lebt und sich intensiv mit Cankars Werk auseinandersetzt, betrachtet ihn als einen österreichischen Autor slowenischer Muttersprache. Und das aus gutem Grund! Cankar verbrachte mehr als ein Jahrzehnt in Wien, wo er das Elend der Arbeiterschicht hautnah erlebte. In seinen Texten wird die Stadt zu einer „finsteren Stadt der Sklaverei, der Armut, des Hungers und der Sünde“ – eine düstere, aber ehrliche Beschreibung, die die Herausforderungen und Hoffnungen der Menschen widerspiegelt.

Anlässlich des runden Geburtstags sind nun zwei Bücher mit bisher unbekannten Texten auf Deutsch erschienen: „Aus der Vorstadt. Erzählungen aus Wien“ und „Krpans Stute. Satiren und Erzählungen“ (Edition Meerauge). Diese Werke eröffnen uns einen neuen Blick auf Cankar und seine tiefgreifenden Einsichten in die menschliche Existenz. Seine Prosa hält den Spiegel vor und konfrontiert uns mit der Realität von Migranten, den gescheiterten Hoffnungen und dem sozialen Elend, das viele in Wien erlebten.

Cankars Leben in Wien

Cankar lebte in bescheidenen Verhältnissen bei einer Schneiderin in Untermiete in Ottakring. Diese Zeit prägte sein Schreiben und half ihm, die Stimmen der Unterprivilegierten zu verstehen. Seine Werke sind nicht nur literarische Abhandlungen, sondern auch gesellschaftskritische Kommentare, die sich mit Machtmissbrauch und Heuchelei auseinandersetzen. Cankars Literatur enthält viele starke Frauenfiguren, die sich gegen die Härte ihrer Verhältnisse auflehnen und damit ein Zeichen setzen. Es ist kein Wunder, dass viele seiner Texte, wie etwa „Hlapec Jernej in njegova pravica“, den Konflikt zwischen Erben und Arbeitern thematisieren – eine direkte Auseinandersetzung mit den herrschenden Verhältnissen.

Obwohl Cankars Werke in seiner Heimat stark wahrgenommen wurden, war die slowenische Kritik oft streng und lehnte seine Texte ab, da sie als fremd und dekadent galten. Doch Cankar wollte sich nicht für die „nationale Sache“ instrumentalisieren lassen. Er stellte die gesellschaftliche Funktion des Theaters in Frage und reagierte auf negative Kritiken mit seinem Kurzroman „Gospa Judit“, der als Satire auf die Moralismen der kulturellen Eliten verstanden werden kann. Seine Auseinandersetzungen mit der Zeit waren nicht nur literarischer Natur; sie waren auch ein Ausdruck seines Engagements für die gesellschaftliche Wertschätzung von Kunst und Literatur.

Ein Blick auf die Moderne

Cankar lebte in einer Zeit des Wandels. Die Moderne, die von 1880 bis 1920 reicht, war geprägt von einem Stilpluralismus, der es verschiedenen literarischen Strömungen ermöglichte, parallel zu existieren. Walter Benjamin beschreibt diese Epoche als ein Kaleidoskop voller Facetten. Cankars Werke sind ein Teil dieses Kaleidoskops, in dem die Sprachkrise ein zentrales Thema darstellt. Die Suche nach neuen sprachlichen Ausdrucksmitteln führte auch ihn dazu, die Grenzen der Literatur auszuloten. Seine Prosa, die durch sprachliche Verdichtung und psychologische Motivierung geprägt ist, spiegelt die Unsicherheit und Orientierungslosigkeit der Zeit wider.

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In den Erzählungen und Romanen, die Wien als Schauplatz haben – wie „Tujci“ (1901) und „Hiša Marije Pomočnice“ (1904) – thematisiert Cankar die Herausforderungen der urbanen Existenz. Die düstere Atmosphäre, die er schafft, ist nicht nur ein Spiegel seiner eigenen Erfahrungen, sondern auch ein Abbild der vielen, die in dieser Metropole lebten. Cankar kannte die Autoren der Wiener Moderne, wie Schnitzler und von Hofmannsthal, grenzte sich jedoch von ihrer Ästhetik ab. Er wollte mehr als nur literarische Konventionen erfüllen; er wollte die Realität abbilden und den Lesern die Augen öffnen für die sozialen Missstände seiner Zeit.

Sein literarisches Erbe, das erst in den 1990er Jahren durch Übersetzungen größere Aufmerksamkeit erlangte, bleibt relevant. Cankar ist nicht nur ein Autor, sondern auch ein Chronist seiner Zeit, dessen Gedanken und Ideen noch heute in den Straßen von Wien nachhallen. Wie er selbst einst sagte, sind es die Geschichten der Menschen, die es wert sind, erzählt zu werden – und das tut er auf eine Art und Weise, die uns auch heute noch berührt.