In der pulsierenden Wiener Innenstadt, genau am Karl-Lueger-Platz an der Ringstraße, hat sich in den letzten Wochen einiges getan. Die Stadt Wien hat das umstrittene Denkmal des ehemaligen Bürgermeisters Karl Lueger, der von 1897 bis 1910 amtiert hat, künstlerisch kontextualisiert. Lueger ist nicht gerade unumstritten, gilt er doch als historische Figur, die stark mit Antisemitismus in Verbindung gebracht wird. Ein Protest von „Jüdischen österreichischen HochschülerInnen“ (JöH), der mit einem Pfeifkonzert auf sich aufmerksam machte, unterstreicht die Gemengelage.
Die Neigung des Denkmals um 3,5 Grad nach rechts, ein zentraler Bestandteil des Projekts unter dem Titel „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ des Künstlers Klemens Wihlidal, soll ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen. Mit dieser Maßnahme möchte die Stadt nicht nur auf die problematische Vergangenheit hinweisen, sondern auch einen Raum für kritische Auseinandersetzungen schaffen. Am 11. Juni 2026 fand die offizielle Präsentation des Projekts in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften statt – ein Event, das die Herzen der Geschichtsinteressierten höherschlagen ließ.
Ein Ort des Lernens und der Diskussion
Das übergeordnete Ziel der Umgestaltung ist es, einen Lern- und Diskussionsort zu schaffen, der die Öffentlichkeit für Themen wie Antisemitismus und politischen Populismus sensibilisiert. Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler betonte in ihrer Ansprache die Dringlichkeit, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Es ist kein Geheimnis, dass Antisemitismus ein weltweit wachsendes Problem ist, das auch Wien betrifft. Ein Forum im Rathaus im Jahr 2021 sowie ein Wettbewerb zur permanenten Kontextualisierung im Jahr 2022 trugen zur Entwicklung dieses Projekts bei.
Die Gesamtkosten für die künstlerische Umgestaltung belaufen sich auf rund 776.000 Euro, was deutlich über den ursprünglich kommunizierten 500.000 Euro liegt. Die Mehrkosten werden von der Kunst im öffentlichen Raum Wien (KÖR) getragen. Ein Kritikpunkt vonseiten der JöH ist, dass die Neigung des Denkmals wenig bewirken würde – die Statue stehe weiterhin und die Wirkung habe sich kaum verändert. Lia Guttmann, Co-Präsidentin der JöH, äußert ihr Unverständnis über die Maßnahme, die sie als unzureichend empfindet.
Erinnerungskultur im Wandel
Die Stadt Wien hat sich nicht nur dem Thema Lueger gewidmet, sondern auch dem Umgang mit belasteten Denkmälern im Allgemeinen. Kooperationen mit dem Jüdischen Museum und verschiedenen Universitäten sind geplant, um die Geschichtsvermittlung zu fördern. Geplant sind Workshops zur Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus in Wien sowie Führungen zu Gedenkorten. Diese Initiativen sind wichtig, denn die Auseinandersetzung mit Antisemitismus hat in der österreichischen Geschichte eine lange Tradition – und nicht unbedingt eine positive.
Obwohl die jüdische Gemeinschaft in Österreich nach der Shoah stark geschrumpft ist, sind antisemitische Einstellungen nach wie vor verbreitet. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung lebt in Wien, und die Zahl der Vorfälle, die auf Antisemitismus hindeuten, ist seit 2008 gestiegen. Komischerweise wurde der offene Antisemitismus in Deutschland stark tabuisiert, während er in Österreich weniger stark geächtet wurde. Das macht die aktuelle Diskussion um die Lueger-Statue umso relevanter.
Die Stadt Wien möchte mit der Kontextualisierung des Denkmals nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern auch aktiv zur Diskussion anregen. Es bleibt spannend zu sehen, wie sich der öffentliche Diskurs in den kommenden Jahren entwickeln wird. In der Zwischenzeit steht die Statue, leicht geneigt, da – ein Symbol für die notwendige kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.
