Mit einem tiefen Seufzer haben wir die Nachricht vom Ableben der großartigen Tess Jaray vernommen. Die Malerin, die uns mit ihren abstrakten, architekturelemente-inspirierten Gemälden verzauberte, ist im Alter von 88 Jahren verstorben. Ihr Schicksal hat die Kunstwelt erschüttert, und das nicht ohne Grund. Ein Bericht des Kunstmagazins Artforum erinnert uns an die beeindruckende Karriere dieser Ausnahmekünstlerin, die die Grenzen der Malerei neu definierte.

Tess Jaray wurde 1937 in Wien geboren, und ihre Wurzeln sind tief in einer prominenten Familie verankert – ihr Verwandter Paul Jaray war ein angesehener Techniker, ihr Onkel Hans Jaray ein Kammerschauspieler. Ihre Großtante, die Galerieinhaberin Lea Bondi-Jaray, besaß einst das berühmte „Bildnis Wally“ von Egon Schiele, das in den 1990er Jahren einen bedeutenden Restitutionsfall in Österreich darstellte. Doch die turbulente Geschichte ihrer Familie führte 1938 zur Emigration nach London, wo Tess Jaray einen neuen Anfang wagen musste.

Ein Leben für die Kunst

Die künstlerische Entwicklung von Jaray war stark von geometrischer Abstraktion geprägt – ein Stil, der sie bis heute auszeichnet. Ihr Werk „St. Stephen’s Green“ von 1969, inspiriert vom Dachziegelmuster des Stephansdoms, fand seinen Platz im Museum des 20. Jahrhunderts, heute bekannt als mumok. Die Verbindung zu ihrer Heimatstadt Wien blieb stets spürbar, auch wenn sie physisch abwesend war. Im Jahr 2020 erwarb die Österreichische Ludwig-Stiftung zwei ihrer Werke für das Belvedere, darunter das eindrucksvolle „St. Stephen’s Way“ von 1965.

Besonders bemerkenswert ist, dass Tess Jaray die erste Frau war, die eine Professur an der renommierten „Slade School of Art“ in London erhielt. Das spricht Bände über ihren Einfluss und ihre Pionierarbeit in einer Zeit, in der Frauen in der Kunstszene oft nur als Muse existierten. 2021 hatte sie eine große Ausstellung in der Secession, einer der bedeutendsten Kunstinstitutionen Österreichs, die den Besuchern die Möglichkeit bot, ihre atemberaubenden Werke zu erleben.

Frauen in der Kunst – Ein lange verzögertes Erwachen

Doch die Geschichte der Frauen in der Kunst ist kein Spaziergang im Park. Um 1900 war die Wiener Kunstszene von Männern wie Gustav Klimt und Egon Schiele dominiert. Während diese Künstler für ihre provokanten Werke bekannt waren, blieben viele talentierte Frauen im Schatten. Künstlerinnen wie Mariette Lydis oder Helene von Taussig schufen beeindruckende Werke, wurden aber oft ignoriert. Erst mit der Ausstellung „Stadt der Frauen“ wurde vielen dieser vergessenen Künstlerinnen endlich die Aufmerksamkeit zuteil, die ihnen gebührt.

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Die Emanzipation der Frauen in der Kunst war ein mühsamer Prozess, der durch die politischen Umstände des 20. Jahrhunderts stark behindert wurde. Nach 1938 verschwanden viele Künstlerinnen aus der Szene, und die Nationalsozialisten drängten sie in traditionelle Rollen zurück. Es ist eine traurige Wahrheit, dass der Zugang zu Kunstakademien für Frauen erst im 20. Jahrhundert ermöglicht wurde, und viele Talente wie Lotte Laserstein mussten im Exil leben, bevor sie wiederentdeckt wurden.

Die Herausforderungen für weibliche Künstlerinnen blieben lange bestehen. Auch heute zeigt sich der Kunstmarkt als ein Terrain, das für Frauen oft schwierig ist, wenn es um Sichtbarkeit und Preise geht. Dennoch haben Künstlerinnenorganisationen in den letzten Jahrzehnten gegründet, um sich gegenseitig zu unterstützen und auf die Ungleichheiten aufmerksam zu machen, die nach wie vor bestehen. Tess Jarays Vermächtnis wird nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch den Kampf um Anerkennung für Künstlerinnen weiterleben.